TITEL | 45 noch blieb der direkte digitale Workflow – damals häufig als „Chairside Workflow“ bezeichnet – einer vergleichsweise kleinen Gruppe besonders engagierter Kolleginnen und Kollegen vorbehalten: den echten CEREC-Enthusiasten. Aus diesem zunächst losen Netzwerk entstanden später wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde oder die International Society of Computerized Dentistry. Parallel entwickelte die Firma Cadent ein puderfreies intraorales Scansystem, dessen erste Generation 2006 auf den Markt kam. Der Fokus lag hier früh auf kieferorthopädischen Anwendungen und offenen digitalen Workflows – insbesondere für die AlignerTherapie. Auch am Massachusetts Institute of Technology wurde ein Intraoralscanner entwickelt. Das daraus hervorgegangene Unternehmen Brontes Technologies wurde später von 3M übernommen, wodurch der Scanner schließlich als LAVA COS (Chairside Oral Scanner) seinen Weg in den Markt fand. Die Einführung dieses Systems auf einem beeindruckenden Symposium 2008 in St. Paul, Minnesota, ist mir bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde klar, wohin die Entwicklung gehen würde – weg von der rein restaurativen Anwendung und hin zur umfassenden Erfassung dreidimensionaler Daten. Für mich persönlich kam der eigentliche Durchbruch mit dem TRIOS 3 von 3Shape im Jahr 2018. Plötzlich waren in vielen Fällen physische Abformungen kaum noch erforderlich. Erstmals konnten auch Gesamtkiefer in vertretbarer Zeit und mit für zahlreiche Anwendungen ausreichender Genauigkeit gescannt werden. Dadurch erleichterte sich der Alltag nicht nur für das gesamte Praxisteam erheblich, sondern auch für unsere Patientinnen und Patienten. Inzwischen sind wieder fast zehn Jahre vergangen – ein guter Zeitpunkt also für eine ehrliche Bestandsaufnahme: Was funktioniert heute wirklich digital? Wo liegen weiterhin Grenzen? Was ist klinisch sinnvoll? Und gibt es vielleicht auch heute noch Indikationen, bei denen die konventionelle Abformung Vorteile bietet? Obwohl wir Zahnärztinnen und Zahnärzte in vielen Bereichen sehr technikaffinsind, begegnen viele dem Thema „Digitaler Workflow“ noch erstaunlich zurückhaltend. Natürlich spielen die hohen Investitionskosten eine Rolle. Vielleicht fragen sich auch viele Kolleginnen und Kollegen, warum sie die bewährten analogen Prozesse aufgeben sollen, wenn das Digitale zwar unstrittig Vorteile bietet, aber in der Qualität des Outcomes nicht weit genug über das Analoge hinausreicht und zusätzlich einen hohen Einarbeitungsaufwand erfordert. Gleichzeitig – das zeigen die Erfahrungen vieler Anwender – wollen jedoch diejenigen, die einmal konsequent mit einem Intraoralscanner gearbeitet haben, nicht mehr auf dieses System verzichten. Denn mit den digitalen Daten verändert sich nicht nur die Abformung selbst, sondern häufig auch der gesamte diagnostische und therapeutische Denkprozess. Ebenso verändern sich unsere Definitionen von Erfolg und Misserfolg. Dieser Umstieg verursacht zwar Aufwand, aber genau hier liegen die eigentlichen Stärken der Digitalisierung: in Reproduzierbarkeit, Vorhersagbarkeit und Prozesssicherheit. Wer in den digitalen Workflow wechselt, für den öffnen sich auch viele neue Perspektiven, die analog nicht möglich wären. Heute können wir den „virtuellen Patienten“ erstellen, indem wir dreidimensionale Datensätze aus Intraoralscan, Gesichtsscan und DVT zusammenführen. Dadurch wird es möglich, selbst über große Distanzen hinweg interdisziplinär zusammenzuarbeiten und dabei stets auf derselben Datengrundlage zu planen. Gleichzeitig entsteht ein nahezu durchgängiger Workflow – von der fotorealistischen Planung über das Mock-up bis hin zur finalen klinischen Umsetzung. Gerade umfangreiche funktionelle oder ästhetische Veränderungen lassen sich heute dreidimensional simulieren und mit hoher Präzision reproduzierbar umsetzen. Dadurch sind wir in vielen Bereichen therapeutisch deutlich sicherer geworden als im analogen Zeitalter. Der Intraoralscanner hat sich damit von einem Gerät zur Herstellung von Restaurationen zu einer zentralen digitalen Schnittstelle der modernen Zahnheilkunde entwickelt. Er unterstützt uns heute nicht nur bei der CAD/CAM-Fertigung von Zahnersatz, sondern ebenso bei der Diagnostik, bei Verlaufskontrollen, interdisziplinären Planungen und komplexen Therapiekonzepten (mit oder ohne dentale Implantate) – und zukünftig sicher noch bei vielem mehr. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen der Beiträge – und natürlich bei der täglichen Arbeit mit Ihrem Scanner. Ihr Florian Beuer zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (999) EMPFEHLUNGEN DER LEITLINIE IN SEPARATEN INFOKÄSTEN Seit März 2026 steht mit der Leitlinie zum „Intraoralscan in der Zahnmedizin“ eine konsentierte wissenschaftliche Grundlage zur Bewertung digitaler intraoraler Scanverfahren zur Verfügung. In Ergänzung zu den Beiträgen dieser Fortbildung werden von den Autoren der Leitlinie wichtige Statements/Empfehlungen der Leitlinie und Hintergrundtexte in einem separaten Infokasten präsentiert. So wird deutlich, welche Schwerpunkte die Leitlinie zum Thema des Beitrags gesetzt hat. Die Leitlinie wurde unter der Koordination von Prof. Dr. Jan-Frederik Güth und durch die federführenden Autoren PD Dr. Tobias Graf und Miriam Ruhstorfer verfasst. Institutionell federführend waren die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und die Deutsche Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde (DGCZ). ALLE BEITRÄGE DER FORTBILDUNG zm12/2026 n Das sind die gängigen Geräte am Markt n Der IOS in der restaurativen Versorgung n Der IOS im restaurativen und im prothetischen Workflow zm 13-14/2026 n Der Intraoralscan in der Implantatplanung n Meine ersten Schritte in der Digitalisierung mit einem Scanner
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