ZAHNMEDIZIN | 71 wie die Größe und die Lokalisation der Pulpaexposition nur einen geringen Einfluss auf die Prognose [Dammaschke et al., 2010]. Liegen keine Kontraindikationen vor, sollte daher grundsätzlich der Vitalerhalt angestrebt werden. Therapie Die Primärversorgung sollte innerhalb von 24 Stunden erfolgen. Da die entzündliche Infiltration aber nur langsam voranschreitet, ist ein Therapieversuch selbst jenseits dieses Zeitfensters vertretbar, sofern keine klinischen Zeichen einer irreversiblen Pulpitis vorliegen [Cvek et al., 1982]. Die Erfolgssicherheit der partiellen Pulpotomie wird mit über 90 Prozent angegeben und durch eine Verzögerung von einigen Tagen kaum beeinflusst [Bimstein und Rotstein, 2016; Krastl et al., 2021]. Voraussetzung für den Behandlungserfolg sind eine konsequente Kofferdam-Isolation, die atraumatische Entfernung von 2 mm bis 3 mm Pulpagewebe mit einem sterilen diamantierten Schleifkörper sowie die anschließende Desinfektion mit Natriumhypochlorit. Das entscheidende intraoperative Kriterium ist die Hämostase. Nach der aktuellen Leitlinie sollte die Blutung nach der Applikation steriler Schaumstoffpellets innerhalb von fünf Minuten sistieren. Gelingt dies nicht, ist von einer tiefer liegenden Entzündung auszugehen und eine vollständige Pulpotomie als letzte Möglichkeit zur Vitalerhaltung zu erwägen [DGMKG/ DGZMK, 2022]. Neuere Untersuchungen zeigen allerdings, dass die Dauer bis zur Hämostase allein keinen entscheidenden Einfluss auf den Erfolg der Vitalerhaltung hat, so dass im klinischen Alltag bei unauffälligem Erscheinungsbild der Pulpa auch ein längeres Abwarten vertretbar seinkann. Lässt sich nach Abtragung der oberflächlichen 2 mm bis 3 mm keine Blutstillung erreichen, können schrittweise weitere circa 2 mm Pulpagewebe entfernt werden, bis eine suffiziente Hämostase erzielt wird – oder die vollständige Pulpotomie erforderlich ist [Duncan et al., 2023]. Nur eine koagelfreie, klar abgegrenzte Wundfläche ermöglicht eine vorhersagbare Heilung. Materialwahl Hydraulische Kalziumsilikatzemente, insbesondere Mineraltrioxidaggregat (MTA) und Biodentine® (Septodont), haben Kalziumhydroxid als Überkappungsmaterial weitgehend ersetzt. Die S2k-Leitlinie hält jedoch fest, dass bei der traumatisch exponierten Pulpa bislang kein signifikanter Unterschied in der Erfolgsrate zwischen beiden Materialklassen nachgewiesen wurde [DGMKG/DGZMK, 2022]. Kalziumsilikatzemente sind nicht nur biokompatibel, sondern bioaktiv: Bei der Hydrolyse werden Ca2+- und OH-- Ionen freigesetzt, die chemotaktisch auf die Stamm- und Vorläuferzellen wirken, die Differenzierung zu Odontoblastenähnlichen Zellen fördern [Widbiller, 2022] und zugleich ein antimikrobielles Milieu schaffen. Darüber hinaus bieten sie gegenüber Kalziumhydroxid eine höhere mechanische Stabilität, eine schnellere Aushärtung sowie eine dichtere, weniger defektbehaftete Hartgewebsbarriere mit geringerer Tunneldefekt-Rate. Angesichts des ästhetisch sensiblen Frontzahnbereichs sollten Materialien mit geringem Verfärbungspotenzial bevorzugt werden [Krastl et al., 2021]. Unabhängig vom verwendeten Material bleibt ein bakteriendichter Verschluss die entscheidende Voraussetzung für den Therapieerfolg. Evidenz und Nachsorge Die Erfolgsraten der partiellen Pulpotomie bei traumatisch exponierten Pulpen liegen konsistent zwischen 86 und 100 Prozent [Cvek, 1978; Wang et al., 2017; Alqaderi et al., 2016; Hecova et al., 2010] und übertreffen damit die der direkten Überkappung (54 bis 90 Prozent; [Fuks et al., 1982; Ravn, 1982]). Dennoch verbleibt eine inhärente Misserfolgsrate von 5 bis 15 Prozent, die gegenüber den Patientinnen und Patienten sowie deren Erziehungsberechtigten prätherapeutisch transparent kommuniziert werden muss. Die Therapie ist daher als Therapieversuch mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit zu verstehen [Bissinger et al., 2021; DGMKG/ DGZMK, 2022; Robertson et al., 2000]. Ein strukturierter Recall ist obligat: Die S2k-Leitlinie empfiehlt klinische Kontrollen nach drei Wochen, sechs Wochen, drei, sechs und zwölf Monaten; ab dem zweiten Jahr jährliche Nachkontrollen über mindestens fünf Jahre [DGMKG/DGZMK, 2022]. Bei isolierten Kronenfrakturen mit Vitalerhalt der Pulpa kann auf routinemäßige Röntgenkontrollen im Rahmen der Nachsorge weitgehend verzichtet werden, sofern keine Hinweise auf Komplikationen bestehen [DGMKG/ DGZMK, 2022]. zm116 Nr. 18, 16.09.2026, (1409) FALLBEISPIELE Fall 1: Frontzahntrauma beim jungen Erwachsenen – Vitalerhalt durch partielle Pulpotomie Fall 2: Frontzahntrauma bei einem Jugendlichen – Grenzen der partiellen Pulpotomie Dr. med. dent. Marie Eckhardt Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie, Universitätsklinikum Köln Kerpener Str. 32, 50931 Köln Foto: privat Dr. med. dent. Charlotte Wetzel Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und digitale Zahnmedizin, LMU Klinikum, LMU Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München Goethestr. 70, 80336 München Foto: privat
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