Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 18

wehrmechanismen und die sensorische Funktion der Pulpa bewahrt. Insbesondere bei jungen Patientinnen und Patienten mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum bleibt zudem das regenerative Potenzial des Pulpagewebes für die weitere Wurzelbildung und die Ausbildung einer Hartgewebsbarriere erhalten [Cvek, 1978; DGMKG/ DGZMK, 2022]. Anders als die kariesbedingte, chronisch-bakteriell belastete Exposition geht die traumatische Pulpaeröffnung in der Regel mit einer geringeren mikrobiellen Kontamination und einer kürzeren Expositionszeit einher, was die günstige Heilungsprognose erklärt [Matoug-Elwerfelli et al., 2022]. Bleibt der Vitalerhalt dagegen aus, steht die Wurzelkanalbehandlung uneingeschränkt als Folgeoption zur Verfügung, wie Fall 2 zeigt. Die Ursache des Therapieversagens lässt sich retrospektiv nicht eindeutig klären; plausibel ist ein multifaktorielles Geschehen. In Betracht kommen die Expositionsdauer von 36 Stunden mit einer möglichen bakteriellen Invasion jenseits der abgetragenen 2 bis 3 mm, eine begleitende Dislokationsverletzung, eine klinisch unterschätzte Ausgangspulpitis sowie technische Faktoren wie eine unzureichende Abtragungstiefe oder eine intraoperative Kontamination. Der Einfluss des Zeitintervalls ist dabei zurückhaltend zu bewerten: Mehrere Untersuchungen konnten keinen relevanten Einfluss der Expositionsdauer auf den Behandlungserfolg nachweisen, solange das verbliebene Pulpagewebe vital war [Cvek, 1978; Fuks et al., 1993]. Größere prognostische Bedeutung hat vermutlich die begleitende Dislokationsverletzung – der Lockerungsgrad I und die Sulkusblutung können auf eine partielle Ruptur des apikalen Nerv-Gefäß-Bündels und eine kompromittierte pulpale Abwehr hinweisen [Robertson et al., 2000]. Eine aktuelle Metaanalyse deutet auf begleitende Luxationsverletzungen und den Grad der Wurzelentwicklung als relevante Einflussfaktoren des Pulpaüberlebens nach vitalerhaltender Therapie hin [Tzanetakis et al., 2022]. Für den langfristigen Erhalt sind ein standardisiertes Vorgehen und eine strukturierte Nachsorge entscheidend. Zentral ist ein bakteriendichter koronaler Verschluss, da eine mikrobielle Leckage zu den Hauptursachen des Vitalitätsverlusts zählt [Bimstein und Rotstein, 2016]. Neben der klinischen Symptomatik sollten die Sensibilität, die Perkussion, der Lockerungsgrad und die Qualität der Restauration regelmäßig kontrolliert werden. Radiologische Verlaufskontrollen dienen dem Ausschluss posttraumatischer Komplikationen wie periapikaler Veränderungen oder Resorptionen [DGMKG/ DGZMK, 2022]. Zur standardisierten Dokumentation und Verlaufskontrolle traumatisierter Zähne empfiehlt sich die Verwendung des DGET-Traumabogens. Dieser ermöglicht eine strukturierte Erfassung des Unfallhergangs, der klinischen und radiologischen Befunde sowie der durchgeführten Therapie- und Nachsorgemaßnahmen und erleichtert zugleich die interkollegiale Kommunikation und die Weiterbehandlung. Fazit Bei korrekter Indikationsstellung ist die partielle Pulpotomie eine vorhersagbare Methode zum Erhalt der Pulpavitalität mit hoher Erfolgsrate. Fall 2 zeigt zugleich, dass biologische Einflussfaktoren – insbesondere begleitende Dislokationsverletzungen – auch bei leitliniengerechtem Vorgehen den Vitalerhalt verhindern können. Entscheidend bleiben daher eine sorgfältige Indikationsstellung, ein standardisiertes Vorgehen mit bakteriendichtem Verschluss, eine realistische Patientenaufklärung und eine konsequente Nachsorge. „ ZAHNMEDIZIN | 75 zm116 Nr. 18, 16.09.2026, (1413) Fotos: Charlotte Wetzel Abb. 11: Postoperative Röntgenkontrolle nach Wurzelkanalbehandlung von Zahn 11 mit apikalem MTA-Plug Abb. 12: Ästhetisches Endergebnis nach direkter adhäsiver Kompositrestauration beider mittlerer Inzisivi (Nanohybrid-Komposit Essentia, GC): Die bestehende generalisierte Plaque-induzierte Gingivitis imponiert klinisch mit gingivaler Rötung und Schwellung.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=