Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 19

30 | ZAHNMEDIZIN und stellt daher eine therapeutisch sinnvolle Alternative zur erneuten chirurgischen Intervention dar. Aktuelle klinische und systematische Untersuchungen bestätigen die grundsätzliche Effektivität dieser Behandlungsstrategie [Sabeti et al., 2024; Appel et al., 2023]. Der vorliegende Fall zeigt eine vollständige klinische und nahezu vollständige radiologische Ausheilung zwei Jahre nach orthograder Revision eines resezierten Oberkieferfrontzahns. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit aktuellen Daten zur Prognose moderner Revisionsbehandlungen. Appel et al. dokumentierten in einer retrospektiven Analyse von 191 Fällen nach fehlgeschlagener Wurzelspitzenresektion eine Erfolgsrate von 84,8 Prozent [Appel et al., 2023]. Dennoch bleibt die Prognose abhängig von der zugrunde liegenden Ursache des Misserfolgs. Radiologische Beurteilung und Indikationsstellung Die radiologische Analyse resezierter Zähne ist essenziell für die Therapieplanung. Hülsmann beschreibt die Bedeutung von Resektionswinkel, Restwurzelstruktur und retrograder Füllungstiefe [Hülsmann et al., 2011]. Schräg resezierte Wurzeln, überdimensionierte retrograde Kavitäten oder unzureichend retentive Verschlüsse können prognostisch ungünstig sein. Im vorliegenden Fall ermöglichte die radiologische Befundkonstellation eine orthograde Revisionsstrategie, da keine Hinweise auf massive iatrogene Defekte oder Wurzellängsfrakturen bestanden. Drebenstedt et al. zeigten, dass insbesondere laterale Perforationen, massive Substanzverluste oder extraradikuläre Fremdkörperreaktionen die Erfolgsaussichten einer rein orthograden Therapie erheblich reduzieren [Drebenstedt et al., 2011]. Problematik der Entfernung des retrograden Verschlusses Ein zentrales technisches Problem der orthograden Revision nach WSR stellt die Entfernung des retrograden Verschlussmaterials dar. Hülsmann et al. betonen, dass retrograde Füllungen häufig nicht retentiv, zu flach oder mit Randspalten versehen sind und somit eine persistierende Infektion begünstigen können[Hülsmann et al., 2011]. Die orthograde Entfernung retrograder Materialien – insbesondere Amalgam, Zement oder MTA – ist jedoch mit Risiken verbunden. Drebenstedt et al. beschrieben Fälle, in denen retrograde Materialien oder iatrogene Defekte eine suffiziente orthograde Desinfektion unmöglich machten [Drebenstedt et al., 2011]. Zu den potenziellen Komplikationen zählen: „ apikale Perforation „ Extrusion von Material oder Spüllösungen „ Dentinrisse durch Ultraschallanwendung „ strukturelle Schwächung der Restwurzel Appel et al. berichteten, dass in ihrer Studie retrograde Füllungen in 33 Fällen vorlagen und nicht in allen Fällen vollständig entfernt werden konnten, ohne dass dies signifikant die Erfolgsrate beeinflusste [Appel et al., 2023]. Dies legt nahe, dass eine vollständige Entfernung zwar ideal ist, jedoch im Einzelfall gegen strukturelle Risiken abzuwägen ist. Im hier dargestellten Fall war die Entfernung des retrograden Verschlusses technisch machbar und ermöglichte eine vollständige apikale Re-Desinfektion mit anschließender MTAObturation. Dies dürfte wesentlich zur Ausheilung beigetragenhaben. zm116 Nr. 19, 01.10.2026, (1464) Abb. 10: Recall nach zwölf Monaten Abb. 11: Recall nach 24 Monaten Abb. 9: Kontrollbild: Der radioluzente Bereich im Wurzelkanal wird durch die geringe Röntgenopazität des Mikrofillers verursacht. Der Wurzelkanal ist durchgehend gefüllt. Fotos: Ilya Kachovič Antidze

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