64 | GESELLSCHAFT zm116 Nr. 19, 01.10.2026, (1498) INTERVIEW MIT DENTAL-STREET-DAY-INITIATOR MISCHA OMMID STEUDE „Der Aktionstag ist erst der Anfang!“ Herr Steude, wie viele Praxen haben sich dieses Jahr am Dental Street Day in Berlin beteiligt? Mischa Ommid Steude: Neun Praxen hatten sich angemeldet, am Ende waren neben unserer Praxis sechs weitere tatsächlich dabei. Wir haben die Zahl der teilnehmenden Praxen damit im Vergleich zum letzten Jahr verdoppelt. Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte haben erst spät vom Dental Street Day erfahren und wollten ganz kurzfristig noch mitmachen. Einige haben auch angeboten, an dem Tag bei uns in der Praxis mitzuhelfen. Ein Zahnarzt, der zu spät dran war, hat mir von einer Redewendung im Bulgarischen erzählt, so etwas wie „positiver Neid“: Ich beneide dich darum, dass du das gemacht hast, weil ich auch Bock darauf gehabt hätte, aber gleichzeitig freue ich mich für dich. Im Großen und Ganzen lief das Praxis-Recruiting also richtig gut – eine ganz andere Situation als vor zwei Jahren, als wir das Ganze allein auf die Beine gestellt haben. Sie hatten im vergangenen Jahr gesagt, Ihr Ziel sind 30 beteiligte Praxen. Halten Sie das für realistisch? Die Perspektive ist gut und das Interesse der Kolleginnen und Kollegen groß. Ich gehe stark davon aus, dass es weiter wächst. Da helfen natürlich Social Media und die Aufmerksamkeit, die wir mit unserer Blockparty für das Thema generieren. Ich glaube auch, dass so etwas wie der Auftritt von Peter Fox und der Buzz, der dadurch entsteht, dafür sorgen, dass es immer größer wird. Während die Suche nach teilnehmenden Praxen offenbar leichter geworden ist, waren dieses Jahr weniger Patientinnen und Patienten da. Woran lag das? Das Problem ist eher, die Patienten zu erreichen und hierher zu bringen. Den Bedarf gibt es. Man kann die Patienten aber nicht drei Monate vorher für einen einzelnen Behandlungstag einbestellen. Wenn jemand Behandlung braucht, muss er nächste Woche kommen. Das heißt, man hat vielleicht zweieinhalb Wochen Zeit, in denen man die Menschen kontaktiert, Termine organisiert und alles koordinieren muss. In diesem kurzen Zeitfenster muss sehr viel Manpower bereitgestellt werden. Wenn dann Leute im Urlaub oder die Sozialarbeiter ohnehin schon überlastet sind, wird es schwierig. Dazu kam dieses Jahr wahrscheinlich auch der Samstag, weil viele Sozialarbeiter dann nicht arbeiten. Deshalb werden wir nächstes Jahr vermutlich wieder auf einen Freitag gehen. Was wollen Sie organisatorisch deshalb beim nächsten Dental Street Day anders machen? Die Leute, die bei uns mitorganisieren, müssen stärker mit den direkten Betreuern kommunizieren. Hilfreich wären auch Fahrzeuge und Freiwillige, die Patienten abholen und zu den Praxen bringen – wahrscheinlich wäre das sogar einer der größten Gamechanger. Langfristig könnte ich mir sogar vorstellen, jemanden fest dafür einzustellen, der ganzjährig die Organisation übernimmt und über Sponsoring finanziert wird. Sie haben das Konzept auch an anderen Stellen verändert. Was machen Sie heute bewusst nicht mehr? Im ersten Jahr hatten wir auch Essen dabei. Das haben wir abgeschafft. Essen gibt es bereits an verschiedenen Stellen. Unser Fokus soll stärker auf der Zahnmedizin liegen. Außerdem glaube ich, dass andere Aktionen mehr Impact haben. Wenn wir über die Party Spenden sammeln, kann zum Beispiel die Berliner Obdachlosenhilfe damit Housing-First-Projekte weiter voranbringen. Davon profitieren die Menschen am Ende mehr als von einem einmaligen Mittagessen. Was funktioniert heute besser als bei den ersten Dental Street Days? Die Bereitschaft anderer Praxen ist deutlich besser. Wir haben mittlerweile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich um den Dental Street Day und alles drumherum kümmern und viel Zeit in die Organisation stecken. Auch die Öffentlichkeitsarbeit funktioniert besser. „Mit Vergnügen“ hat zum Beispiel berichtet. Bei den großen Tageszeitungen ist noch Luft nach oben. Und auch bei den Firmen beziehungsweise Sponsoren ist es einfacher geworden. Früher gab es Firmen, die gesagt haben: „Wir wollen nicht, dass unser Produkt mit Obdachlosen assoziiert wird.“ Heute gibt es einige, die sofort sagen: „Kein Problem, machen wir.“ Nicht zuletzt sind im Team die Vorbehalte weg. Nach zwei Jahren ist das kein Thema mehr. Wir wissen, was wir machen müssen, und haben keine negativen Erfahrungen gemacht. Neulich saß hier im laufenden Praxisbetrieb ein wohnungsloser Patient mit einem Bier. Gleichzeitig saßen normale Patienten im Wartebereich – „Kürzlich saß hier im laufenden Praxisbetrieb ein wohnungsloser Patient mit einem Bier. Es hat niemanden gestört.“ Mischa Ommid Steude Mischa Ommid Steude ist Inhaber von DIE PRAXIS in Berlin, er hat den Dental Street Day 2024 ins Leben gerufen. Foto: privat
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