Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 19

66 | ZAHNMEDIZIN ZAHNERHALTUNG STATT EXTRAKTION Die orthodontische Extrusion tief zerstörter Zähne Maria Bruhnke, Guido Sterzenbach, Ece Atay, Stefano Pieralli, Mats Wernfried Heinrich Böse, Florian Beuer Die Restauration tief zerstörter Zähne mit Defekten auf subgingivalem und subkrestalem Niveau galt lange Zeit als experimentell und nur eingeschränkt vorhersagbar. Die orthodontische Extrusion stellt eine gewebeschonende und minimalinvasive Alternative zur chirurgischen Kronenverlängerung und Zahnextraktion dar. Wir zeigen Indikationen und Limitationen und bewerten den Stellenwert auf Basis der Literatur. Subgingivale und subkrestale Defekte infolge traumatischer Verletzungen oder kariöser Defekte sind aus restaurativer Sicht herausfordernd, weil in den meisten Fällen eine Verletzung der biologischen Breite und nicht genug Zahnhartsubstanz für die Retention einer Kronenversorgung vorliegen. Daher stellt sich die Frage, ob und wie solche Zähne mit einer guten Langzeitprognose restauriert werden können [Torabinejad et al., 2007]. Im Entscheidungsprozess spielen das Ausmaß des Zahnhartsubstanzverlusts und die Lokalisation des Defekts eine wesentliche Rolle. Subgingivale Defektränder verletzen die biologische Breite und wirken sich direkt auf die parodontale Gesundheit der Patientinnen und Patienten aus. Gefordert wird in der wissenschaftlichen Literatur ein ausreichender Abstand zwischen dem prospektiven Restaurationsrand und dem krestalen Niveau des Alveolarknochens [Schmidt et al., 2013]. Darüber hinaus ist die Frakturresistenz endodontisch behandelter Zähne eine grundlegende Voraussetzung für die Langlebigkeit der Versorgung. Hier beeinflusst die residuale Zahnhartsubstanz mit dem Vorhandensein einer zirkulären Dentinmanschette (Ferrule-Effekt) maßgeblich die Prognose des Zahnes und der Restauration [Naumann et al., 2018]. Vor diesem Hintergrund sind im Fall des Zahnerhalts präprothetische Therapiemaßnahmen unvermeidbar. Chirurgische Kronenverlängerungen, bei denen die klinische Krone durch eine gezielte chirurgische Reduktion des Knochens freigelegt wird, sowie kieferorthopädische Verfahren, bei denen die Wurzel des Zahnes aus dem Alveolarfach bewegt wird, sind mögliche Optionen zur Wiederherstellung der biologischen Breite und zur Freilegung von Zahnhartsubstanz. Dabei ist das Verfahren der chirurgische Kronenverlängerung immer mit einer Verlängerung der klinischen Krone und damit oft mit erheblichen ästhetischen Einbußen verbunden. Das Konzept der forcierten kieferorthopädischen Extrusion (Forced Orthodontic Extrusion, FOE) beziehungsweise der forcierten Eruption wurde erstmals 1973 von Heithersay beschrieben [Heithersay, 1973]. Dabei wird mithilfe kieferorthopädischer Methoden die Wurzel über das Alveolarfach hinausbewegt, so dass supragingival mehr gesunde Zahnsubstanz zur Verfügung steht, um eine Kronenversorgung zu ermöglichen. Nach einer angemessenen Retentionszeit kann der extrudierte Zahn stabilisiert und restauriert werden. Diese Methode bietet einen konservativen Ansatz, um Zähne, die als nicht erhaltungswürdig eingestuft werden, funktionell und ästhetisch wiederherzustellen. Seit 1973 wurden zahlreiche Fallberichte veröffentlicht, die unterschiedliche Methoden der kieferorthopädischen Extrusion beschreiben. Nachfolgend wird die Methodik der forcierten orthodontischen Extrusion mit Indikationen, Kontraindikationen sowie Vor- und Nachteilen beschrieben. Insbesondere bei eingeschränkten implantologischen Therapieoptionen, bei jungen sowie kostensensiblen Patientinnen und Patienten können zahnerhaltende Strategien eine sinnvolle und patientenorientierte Behandlungsalternative sein. Indikationen Eine Extrusion kommt bei quer oder horizontal gelegenen Frakturen in Betracht, ebenso bei Zähnen mit Defekten unterhalb des marginalen Weichgewebs- sowie des krestalen Knochenniveaus [Simon, 1984]. Diese können in Folge kariöser Prozesse, iatrogener Perforationen oder im Rahmen von Resorptionsvorgängen im zervikalen Anteil der Wurzel auftreten. Eine weitere Anwendung ist die regenerative Parodontologie in der Therapie einwandiger Knochentaschen sowie im Bereich der Rezessionsdeckung in Form einer Nivellierung der gingivalen Konturlinie. Neben medizinischen Parametern spielen in der täglichen Praxis patientenindividuelle Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Therapieentscheidung, die für eine Extrusion und den Zahnerhalt und gegen eine chirurgische Intervention und Implantation sprechen. So kann eine chirurgische zm116 Nr. 19, 01.10.2026, (1500) ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.

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