TITEL | 33 Grundsätzlich sollte das Bewerbungsgespräch laut Handrock drei wesentliche Kriterien erfüllen: 1. Es sollte beiden Seiten einen formalisierten Rahmen zum gegenseitigen intensiveren Kennenlernen und zum Ausloten der Voraussetzungen und Möglichkeiten für eine Anstellung geben. 2. Es sollte eine kompetenzbezogene Möglichkeit zur Auswahl eines Kandidaten für den spezifischen Arbeitsplatz bieten. 3. Es sollte generell die Einschätzung ermöglichen, ob der Bewerber zur Unternehmenskultur der eigenen Praxis passt. 2. Die Gesprächsatmosphäre Wie schafft man ein Gesprächsklima, in dem sich Bewerber authentisch präsentieren können? Eine positive Gesprächsatmosphäre entsteht vor allem durch Vorhersehbarkeit, Respekt und die Entwicklung eines ‚wirklichen‘ Gesprächs, in dem nicht „dieses Gefühl ausgefragt zu werden“ entsteht, sagt Handrock. Hilfreich seien dabei gewisse Rahmenbedingungen, die kontrollierbar und fair sind. Zum Beispiel anhand dieser Fragen: Wie lange dauert das Gespräch? Wie wird es ablaufen? Wieso werden mir gerade diese Fragen gestellt? Kann ich auch Fragen stellen? Und kann ich den Aussagen der Praxis vertrauen? „Dabei sollte man bedenken, dass die Art des Vorstellungsgesprächs für den Bewerber gleichzeitig Informationen über die Praxis hergibt. Daher sollte selbstverständlich sein, dass es einen geeigneten, ruhigen, ungestörten Gesprächsraum gibt, dass Wasser bereitsteht, dass man pünktlich anfängt, dass die Anwesenden sich vorstellen, dass man den Ablauf erklärt, Unterbrechungen vermeidet, den anderen ausreden lässt, Rückfragen zulässt, transparent sagt, welche Notizen weshalb gemacht werden, und dass man wirklich auf die Fragen und Antworten eingeht“, betont Handrock. Je mehr der Eindruck einer Verhörsituation entsteht oder einer Situation wie in einer Anamnese, desto negativer sei das Bild der Praxis, das beim Bewerber entsteht. Wenn der Bewerber noch keinen Kontakt zur Praxis hatte – und deshalb nicht direkt aus der näheren Wahl ausgeschlossen wird –, biete es sich an, einen Praxisrundgang einzuplanen, so dass er sich ein besseres Bild von dem eventuellen Arbeitsplatz, der Stimmung und dem Team machen kann. „Es gibt Menschen, die sich in neuen Situationen sehr schnell und natürlich bewegen können. Und es gibt Leute, die eine lange Anlaufzeit brauchen. Das hat mit Persönlichkeitsvariablen zu tun und mit den Vorerfahrungen“, berichtet die Expertin. Ein standardisiertes Bereitstellen von bestimmten Rahmenbedingungen garantiere allerdings, dass eine gewisse Vergleichbarkeit der Gespräche gegeben ist. Denn zwei verschiedene Gespräche, die in völlig unterschiedlichen Kontexten geführt werden, ließen sich nur schwerlich miteinander vergleichen. 3. Der Auftakt Wie kann das Gespräch bestmöglich starten? Der erste Eindruck kann bekanntlich das gesamte Gespräch emotional färben. Wie tritt man auf, was sagen zm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1659) MEINE ERFAHRUNGEN IN BEWERBUNGSGESPRÄCHEN – DENTA1 CLINIC „Ein ungewöhnlicher erster Eindruck kann täuschen“ „Die besten Bewerbungsgespräche sind die, in denen ich merke, dass sich die Bewerbenden vorab intensiv mit uns als Arbeitgeber beschäftigt haben. Manche verfolgen uns seit Langem, etwa über Social Media. In solchen Gesprächen ist vieles leichter. Die Rahmenbedingungen und die Unternehmenskultur sind dann schon bekannt – und wir können uns ganz auf den Menschen konzentrieren, der vor uns sitzt. Die schwierigste Situation hatten wir mit einem Bewerber, dem wir aufgrund fehlender Qualifikationen absagen mussten, der aber diese Entscheidung nicht akzeptieren wollte. Dass Bewerbende es nach einer Absage erneut versuchen, kommt grundsätzlich häufiger vor. In diesem Fall jedoch ging es deutlich weiter. Er hat uns über sämtliche Kontaktwege immer wieder angesprochen, tauchte auf einer unserer Patientenveranstaltungen auf und hat sich schließlich sogar als Patient bei uns behandeln lassen. Bereits im ersten Telefonat hatte er einer Kollegin ungewöhnlich ausführlich von sehr persönlichen Dingen erzählt. Rückblickend war das sicher die skurrilste Bewerbungsgeschichte, die ich erlebt habe. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir noch eine andere Situation – ein Telefonat mit einem Bewerber für ein Praktikum. Ich habe das Gespräch damals nebenbei aus dem Auto geführt, weil ich es als Routine eingeschätzt hatte. Als ich ihn dann zum Kennenlernen einlud und nach seiner Konfektionsgröße fragte, wollte er wissen, von welcher Marke unsere Kasacks seien. Das hat mich zunächst irritiert, denn außerhalb der Medizinbranche kennt eigentlich niemand die Hersteller. Ich nannte ihm die Marke – und er antwortete ohne Zögern, dass er dort Größe S brauche. Im ersten Moment fand ich das ungewöhnlich. Es stellte sich jedoch heraus, dass er sich einfach sehr stark für den Beruf und die Ausbildung interessierte. Nach dem Praktikum hat er seine anschließende Ausbildung bei uns verkürzt und gehört zu unseren fachlich versiertesten und motiviertesten Mitarbeitenden. Eine gute Vorbereitung und echtes Interesse aufseiten der Bewerbenden sind Gold wert. Und ein ungewöhnlicher erster Eindruck kann täuschen. Genau hinzuhören lohnt sich immer, selbst bei (vermeintlichen) Routinegesprächen.“ Michele Hölter, HR-Managerin der Denta1 Clinic Foto: Denta 1 Clinic
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