42 | ZAHNMEDIZIN DIAGNOSTIK UND VERSORGUNG TRAUMATISCHER ZUNGENVERLETZUNGEN Wenn der Pürierstab sich noch dreht Florian Dudde, Anna Aydin, Lawik Revend, Manfred Giese, Oliver Schuck In der Notaufnahme stellte sich eine junge Patientin mit multiplen blutenden Schnittverletzungen der Zunge vor. Anamnestisch war ein Haushaltsunfall vorausgegangen, bei dem die Patientin einen Pürierstab ablecken wollte und das Gerät dabei versehentlich erneut einschaltete. Der Fall veranschaulicht die wesentlichen Aspekte der initialen Diagnostik, der Wundversorgung und der Nachsorge traumatischer Zungenverletzungen. Eine 18-jährige Patientin wurde am Abend mit dem Rettungsdienst in unserer zentralen interdisziplinären Notfallaufnahme vorgestellt. Nach Angaben des Rettungsdienstes hatte sie einen Pürierstab ablecken wollen und sich dabei an der Zunge verletzt, nachdem das Gerät versehentlich erneut in Rotation versetzt worden war. Bei Aufnahme war die Patientin wach, ansprechbar, orientiert und kardiorespiratorisch stabil. Relevante Allgemeinerkrankungen, eine regelmäßige Medikamenteneinnahme oder Allergien wurden verneint. Schluck-, Sprechoder Atembeschwerden bestanden nicht. Allerdings war die Anamnese durch eine Sprachbarriere (ukrainisch) erschwert. Klinisch zeigten sich intraoral vier separate, großflächige Schnittverletzungen der vorderen Zungenhälfte, beidseits verteilt. Vonseiten des Rettungsdienstes war die Zunge mit zwei Mullkompressen abgedeckt worden, die sich zentral blutig-tingiert zeigten, an den Rändern jedoch weiß verblieben waren. Hinweise auf eine relevante Atemwegsgefährdung, eine ausgeprägte Schwellung, eine neurologische Einschränkung oder eine funktionelle Beeinträchtigung ergaben sich nicht. Die Diagnostik erfolgte klinisch mittels Inspektion und Palpation. Eine Indikation zur radiologischen Bildgebung wurde bei isoliertem intraoralem Befund nicht gesehen. Insbesondere ergaben sich klinisch keine Hinweise auf Fremdkörper, knöcherne Begleitverletzungen oder eine Beteiligung größerer Gefäße. Ergänzend erfolgte eine prä- und postoperative Fotodokumentation (Abbildungen 1–3). In komplikationsloser Lokalanästhesie wurden die vier Schnittwunden der Zunge mit resorbierbarem Nahtmaterial versorgt. Zusätzlich erfolgte eine periinterventionelle antibiotische Prophylaxe mit Ampicillin/Sulbactam drei Gramm intravenös. Analgetisch erhielt die Patientin 600 Milligramm Ibuprofen bei Bedarf. Bereits am Folgetag zeigten sich stabile, reizlose Wundverhältnisse bei erhaltener Motorik und Sensibilität der Zunge, sodass die Patientin in die ambulante Weiterbehandlung entlassen werden konnte. Empfohlen wurden regelmäßige Mundspülungen, weiche Kost für zwei Wochen, Kühlung sowie die Vermeidung mechanischer Reize, scharfer beziehungsweise saurer Speisen und von Alkohol und Nikotin. Bei der ambulanten Verlaufskontrolle und Nahtentfernung nach 14 Tagen zeigten sich reizlose Wundverhältnisse bei vollständig erhaltener Motorik und Sensibilität. Diskussion Zungenlazerationen werden typischerweise nach Sturzereignissen, Bissverletzungen, Krampfanfällen, Sport- oder Verkehrsunfällen beschrieben. Verletzungen durch rotierende zm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1668) Abb. 1: vor der Wundversorgung Foto: Florian Dudde
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