GESELLSCHAFT | 49 Strukturen und Zuständigkeiten bekannt sein müssen, wenn man sich wirksam einbringen will. Noch grundsätzlicher setzte Ass. jur. Christian Finster, stellvertretender Vorsitzender der KZV BW, in seinem Impulsvortrag „Mitgestalten statt Zuschauen – Freiberuflichkeit und Selbstverwaltung reloaded“ an. Ihn beschäftige seit Jahren die Frage: „Was ist das eigentlich – Selbstverwaltung?“ Seine Antwort führte zunächst zur Freiberuflichkeit. Diese sei nicht mit Selbstständigkeit gleichzusetzen. Selbstständigkeit beschreibe eine Erwerbsform, Freiberuflichkeit hingegen die Art, wie ein Beruf ausgeübt wird: fachlich unabhängig, eigenverantwortlich und getragen von Qualifikation und persönlicher Verantwortung. In diesem Sinne könnten auch angestellte Zahnärztinnen und Zahnärzte freiberuflich tätig sein. Freiberuflichkeit ist mehr als Selbstständigkeit Die Grundlage dafür sei Vertrauen. „Das Vertrauen ist das Pfund, mit dem man wuchern muss – und soll – als Berufsstand“, sagte Finster. Die Gesellschaft räume Heilberuflerinnen und Heilberuflern einen besonderen Entscheidungsspielraum ein, weil sie aufgrund ihrer Qualifikation in der Lage seien, fachlich fundierte Entscheidungen für ihre Patientinnen und Patienten zu treffen. Freiberuflichkeit bedeute deshalb auch nicht, unabhängig von allen Regeln handeln zu können. Vielmehr gehe berufliche Freiheit mit Verantwortung einher – gegenüber den Patienten ebenso wie gegenüber der Gesellschaft. Wirtschaftliche Stabilität sei dabei kein Gegensatz zum Gemeinwohl-Auftrag, sondern Voraussetzung dafür, eine Praxis unabhängig führen und Versorgung gewährleisten zu können, erläuterte der Jurist. Für ihn sei deshalb entscheidend, wer im Konfliktfall über die Behandlung bestimmt. Wo wirtschaftliche Interessen medizinische Entscheidungen beeinflussen, werde die Abgrenzung besonders relevant. Für ihn ist klar, die fachliche Entscheidung müsse letztlich dort bleiben, wo Qualifikation und Verantwortung liegen. Wie sich diese Grundsätze in der ehrenamtlichen Selbstverwaltung konkret umsetzen lassen, zeigten anschließend Dr. Anke Bleicher für die KZV BW und Dr. Florentine Carow für die Kammer. Unter dem Motto „Der Weg in die Selbstverwaltung: Wo du dich einbringen und wirklich etwas bewegen kannst“ stellten sie vor, wo und wie sich Zahnärztinnen und Zahnärzte in den zahnärztlichen Körperschaften engagieren und deren Arbeit aktiv mitgestalten können. Das Spektrum reichte dabei von Kreisversammlungen, Qualitätszirkeln und Prüfungsausschüssen über Gutachtertätigkeiten, die Patientenberatung und Referate bis hin zur Mitarbeit in Ausschüssen und Vertreterversammlungen. Nicht jede Form des Engagements setze von Anfang an einen hohen Zeitaufwand voraus. Entscheidend sei, die eigenen Interessen zu erkennen, erste Einblicke zu gewinnen und sich Schritt für Schritt einzubringen. „Besonders die jüngere Generation wurde ermutigt, diese Möglichkeiten zu nutzen. Sie wird die Rahmenbedingungen des Berufs noch viele Jahre erleben und mittragen“, sagt Schwarz. Ehrenamtlich Engagierte bildeten dabei ein wichtiges Bindeglied zwischen Praxis, Kollegenschaft, Vorstand und Hauptamt. „Sie bringen Erfahrungen und Probleme aus dem Berufsalltag in die Entscheidungsprozesse ein und tragen Informationen zurück in die Kollegenschaft.“ „Wo du dich einbringen und wirklich was bewegen kannst“ Genau diesen Weg soll der Campus in den kommenden Monaten begleiten: kennenlernen, verstehen, mitgestalten und schließlich selbst loslegen. Bis Juli 2027 stehen weitere Module, Hospitationen, Workshops und Mentoring auf dem Programm. Acht ehrenamtlich engagierte Mentorinnen und Mentoren begleiten die Teilnehmenden während des gesamten Pilot-Jahrgangs. Der erste Tag in Lindau machte deutlich: Das Interesse an berufspolitischer Mitgestaltung ist vorhanden – vorausgesetzt, die Strukturen werden verständlich erklärt, die Mitwirkungsmöglichkeiten sichtbar gemacht und die Ansprechpartner benannt. Hier setzt der Campus an. Selbstverwaltung erschließe sich nicht allein auf dem Papier. Konkret werde sie dort, wo Zahnärztinnen und Zahnärzte beginnen, ihre berufliche Zukunft selbst mitzugestalten, so das Fazit der Veranstalter. LL zm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1675) „Big Picture Standespolitik“ hieß der Vortrag von Dr. Torsten Tomppert, Vorsitzender des Vorstands der KZV und Präsident der LZK Baden-Württemberg. Die Teilnehmenden des Campus am Veranstaltungsort, der Lindauer Inselhalle Fotos: Cornelia Schwarz_IZZ
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