52 | ZAHNMEDIZIN FORTBILDUNG INTRAORALSCANNER – TEIL 2 Von der Datenerhebung bis zur digitalen Fertigung: Totalprothetik im mobilen Einsatz Ramona Schweyen, Jeremias Hey, Frank Poerschke Obwohl der direkte digitale Scan des zahnlosen Kiefers die konventionelle Abformung derzeit nicht ersetzen kann, bringt der Einsatz eines Intraoralscanners im mobilen Einsatz einen entscheidenden Mehrwert, mit dem die totalprothetische Versorgung signifikant vereinfacht werden kann. Der Beitrag zeigt, wie die digitale Datengewinnung im mobilen Setting standardisiert und erfolgreich eingesetzt werden kann und welche Vorteile sich aus dem Einsatz digitaler/teildigitaler Prozessketten ergeben. Die totalprothetische Versorgung gewinnt in Deutschland insbesondere dort an Brisanz, wo der Versorgungsbedarf und der Versorgungszugang auseinanderdriften: im ländlichen Raum sowie in Settings der aufsuchenden Betreuung (Hausbesuch, Pflegeeinrichtung). Die Zahl der Pflegebedürftigen ist hoch und steigt – Ende 2023 waren in Deutschland knapp 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des SGB XI [Destatis, 2024]. Ein relevanter Anteil wird vollstationär betreut (2023: 0,8 Millionen beziehungsweise 14 Prozent), wodurch die zahnmedizinische Versorgung häufig nicht mehr über den klassischen Praxisbesuch organisiert werden kann [Destatis, 2026]. Aus oralepidemiologischer Sicht ist diese Entwicklung besonders relevant, weil Pflegebedürftigkeit mit einer oftmals reduzierteren Mundgesundheit und einem höheren Zahnverlust korreliert. Daten aus der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) zeigen für die Altersgruppe der 75- bis 100-Jährigen eine markante Differenz: Gut jede zweite pflegebedürftige Person (53,7 Prozent) war vollständig zahnlos, während dies bei älteren Seniorinnen und Senioren ohne Pflegebedarf bei etwa jeder dritten Person (32,8 Prozent) der Fall war (Differenz circa +21 Prozentpunkte) [DMS, 2017]. Zudem sind viele Pflegebedürftige bei der täglichen Mundpflege auf Unterstützung angewiesen; eine unzureichende Mundhygiene gilt als relevanter Risikofaktor für orale Erkrankungen und damit für fortschreitenden Zahnverlust [BZÄK, 2023]. Damit entsteht ein klinisch und organisatorisch anspruchsvolles Versorgungsfeld: Viele Betroffene sind immobil, eingeschränkt kooperationsfähig oder bettlägerig. Zugleich sind die Rahmenbedingungen vor Ort (Beleuchtung, Positionierung, Assistenz, Hygieneund Materiallogistik) gegenüber der Praxissituation deutlich limitiert. Die aufsuchende zahnärztliche Betreuung ist konzeptionell etabliert, ihre Umsetzung bleibt jedoch in der Fläche aufwendig und stark ressourcenabhängig [BZÄK, 2026] Parallel existiert ein präventionsorientierter Leistungsrahmen (Richtlinie nach § 22a SGB V), der Maßnahmen zur Verhütung von Zahnerkrankungen bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen regelt [G-BA, 2022]. In der Realität führt diese Gemengelage häufig zu einem Versorgungsparadoxon: Der Bedarf an funktionellem Zahnersatz und prothetischer Rehabilitation steigt, während die praktische Umsetzbarkeit der klassischen Behandlungsund Abformprotokolle im Pflegesetting sinkt (enorm erschwert ist). Konventionelle Abformungen und Bissregistrate sind vor Ort material- und logistikintensiv und unter den suboptimalen Bedingungen (Lagerung, Trockenlegung, Lichtführung, Assistenz) deutAbb. 1: Bei vorhandenen Totalprothesen kann der bestehende Zahnersatz als funktionelles Referenzobjekt genutzt werden. Foto: Ramona Schweyen, Jeremias Hey zm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1678)
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