Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 21

64 | ZAHNMEDIZIN IOS und 3D-Röntgenbildgebung Für die chirurgische Planung zählt nicht nur, wie genau der Zahnbogen gescannt wurde, sondern auch, wie zuverlässig er im knöchernen Datensatz erfasst wurde. Baan et al. prüften zwei gebräuchliche Planungsprogramme anhand von zehn Schädelpräparaten gegen einen Referenzdatensatz, der mit strukturiertem Licht erzeugt wurde. Beide Programme erreichten eine für die Planung ausreichende Genauigkeit; die größten Abweichungen traten in beiden Kiefern in vertikaler Richtung auf. Entscheidend ist für die Praxis daher weniger die Software als die Kontrolle des Ergebnisses: Okklusalflächen, Mittellinie, Spee-Kurve und Stufen an Restaurationen müssen am Bildschirm überprüft werden, bevor auf der Überlagerung weitergeplant wird [Baan et al., 2021]. Eine praktische Hürde betrifft ausgerechnet die Dysgnathiepatienten: Brackets und Bögen streuen das Licht, erzeugen Artefakte an den Nachbarflächen und erschweren die Registrierung. Wo der Behandlungsablauf es zulässt, hilft ein Scan vor dem Kleben oder nach der Entfernung der Bögen; andernfalls sollte die Überlagerung gezielt an bracketfreien Arealen kontrolliert werden. Ist kein IOS vorhanden oder der Scanvorgang technisch nicht möglich, bleibt der Laborscan eines Gipsmodells vertretbar; er übernimmt allerdings die Fehler der konventionellen Abformung und der Modellherstellung [Nastri et al., 2025]. Der folgenreichere Fehler liegt jedoch nicht in der Oberfläche, sondern in der Bisslage. Ein formal einwandfreier Scan in maximaler Interkuspidation kann bei ventral verlagerter Kondylenposition eine systematisch falsche Unterkieferlage in der Planung erzeugen. Die Folge ist eine Osteotomie, die am Bildschirm stimmt, im klinischen Situs jedoch nicht passt. Die zentrische Relation muss daher klinisch bestimmt und entweder unmittelbar beim Scanvorgang oder über ein mitgescanntes Registrat festgehalten werden [Amarista und Perez, 2023; Nastri et al., 2025]. Der extraorale Gesichtsscan als sinnvolle Ergänzung Der extraorale Gesichtsscan ergänzt den virtuellen Patienten um die sichtbare Weichgewebsoberfläche. In einer aktuellen Literaturübersicht waren Dysgnathie und Asymmetrieanalyse die häufigsten Anwendungen; weitere Einsatzfelder umfassten unter anderem die Schwellungsmessung und die Verlaufskontrollen [Uranbey et al., 2026]. Wichtig ist dabei eine Abgrenzung: Stereophotogrammetrie, StructuredLight-Systeme und Smartphone- beziehungsweise Tiefensensorlösungen sind unterschiedliche Technologien, deren Genauigkeit nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden darf. Mobile Lösungen sind schneller und deutlich preiswerter, in puncto Bildtreue und Wiederholbarkeit den etablierten Systemen jedoch nicht gleichwertig [Singh et al., 2024; Uranbey et al., 2026]. Der Gesichtsscan ersetzt weder die klinische Weichgewebsanalyse noch die knöcherne Bildgebung. Er kann Veränderungen anschaulich und strahlungsfrei dokumentieren, vorausgesetzt, dass die Mimik, die Kopf- und die Unterkieferposition standardisiert sind. Seine Stärke liegt derzeit in der Dokumentation, der Kommunikation mit den Patienten und der Verlaufskontrolle [Freudlsperger et al., 2023; Kasper et al., 2025]. Fünf Regeln für einen Datensatz in der klinischen Praxis „ CT/DVT und IOS müssen nicht zwingend in derselben Sitzung erfolgen, sollten jedoch denselben aktuellen klinischen Zustand abbilden. Bei einer laufenden kieferorthopädischen Behandlung oder bei raschen Veränderungen sollten die Datensätze zeitlich eng aufeinander abgestimmt sein. „ Die für den Eingriff relevante Kieferrelation muss klinisch definiert und reproduzierbar registriert werden; bei craniomandibulärer Dysfunktion oder Gelenkpathologie sollten der klinische Biss und die Kondylenposition in der vorhandenen Bildgebung gegeneinander geprüft werden. „ Die Überlagerung muss am Bildschirm in mehreren Ebenen kontrolliert werden; es empfiehlt sich, der automatischen Fusion nie blind zu vertrauen. „ Wenn ein Gesichtsscan für die Weichgewebsplanung, zur Aufklärung oder für Verlaufskontrollen benötigt wird, sollte er in Ruhe und ohne Mimik aufgenommen werden. Die Kopf- und die Unterkieferposition sind dabei zu standardisieren. „ Vor der Freigabe und damit vor der endgültigen Konstruktion von Splint, Schablone oder PSI sollten das Alter der Bilddaten und mögliche Veränderungen geprüft werden, zum Beispiel in der Zahnstellung, bei Restaurationen oder in der Okklusion. Oralchirurgie Auch in der Oralchirurgie ersetzt der IOS die Abformung überall dort, wo sie unangenehm, ungenau oder organisatorisch umständlich ist. Der eigentliche chirurgische Mehrwert entsteht jedoch vor allem dann, wenn dieser Scan mit einer radiologischen 3D-Bildgebung überlagert wird. Bei retinierten Zähnen, Wurzelresten, Zysten, Implantaten, Augmentationen und knochenbegrenzten Pathologien liefern CT oder DVT die jeweilige Lage im Verhältnis zu den Nerven, der Kieferhöhle und den benachbarten Strukturen. Der Oberfläzm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1690) Abb. 2: Fusion aus DVT und IOS zur Implantatplanung nach traumatischem Zahnverlust regio 21: 2a: okklusale Ansicht 2b: frontale Ansicht (Planung: Abou-Ayash, Bjelopavlovic & Heimes, OP: Heimes) Fotos: Abou-Ayash, Bjelopavlovic, Heimes a b

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