GESELLSCHAFT | 75 Unternehmen die Übernahme von Medicus bekannt. Der britische Anbieter entwickelt cloudbasierte Software für elektronische Patientenakten in Hausarztpraxen des britischen National Health Service (NHS). Damit erschloss sich Doctolib nach eigenen Angaben einen der größten Gesundheitsmärkte Europas mit rund 67 Millionen Versicherten. In den kommenden Jahren will das Unternehmen mehr als 100 Millionen Pfund im Vereinigten Königreich investieren, 150 Mitarbeitende in London einstellen und ein eigenständiges Forschungs- und Entwicklungszentrum aufbauen. Was Doctolib unter dieser Forschung versteht, ist auch vor dem Hintergrund der geplanten KI-Entwicklung in Frankreich von Interesse. Dort sollen seit August 2026 pseudonymisierte Gesundheitsdaten für ein Forschungsprojekt zur „Optimierung von Behandlungspfaden durch künstliche Intelligenz“ verarbeitet werden, teilte Doctolib mit. Es handelt sich um eine Zusammenarbeit mit dem französischen Forschungsinstitut Inria, dem Institut national de la santé et de la recherche médicale (Inserm) und der Universität Paris Cité. Das Vorhaben beinhaltet nach Angaben der französischen Verbraucherorganisation Que Choisir Ensemble die Daten von 40 bis 50 Millionen Franzosen. Denn um eine möglichst große Datengrundlage zu schaffen, nutzte das Unternehmen eine umstrittene Praktik: Mit Verweis auf das „berechtigte und öffentliche Interesse“ der Forschung und den hohen Datenschutzstandard der Maßnahme beantragte es für das Forschungsvorhaben bei der französischen Datenschutzbehörde CNIL ein vereinfachtes Vorgehen. Danach musste es von den Betroffenen keine explizite Einwilligung (Opt-in) zur Datenverarbeitung einholen, sondern lediglich per E-Mail über die Möglichkeit zum Widerspruch (Opt-out) informieren. Opt-out statt Opt-in Die kurzfristige Ankündigung des Vorhabens löste in Frankreich eine kontroverse Debatte aus. Die französische Verbraucherschutzorganisation Que Choisir Ensemble informierte im Juli über die geplante Datennutzung und schilderte, wie Nutzerinnen und Nutzer widersprechen können. Das Unternehmen beschwichtigt hinegegen: Die Daten blieben durch die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und das französische Datenschutzgesetz geschützt. Und: „Wir verkaufen keine Gesundheitsdaten. Das Geschäftsmodell von Doctolib basiert in erster Linie auf den Abonnements von medizinischen Fachkräften für unsere Software-Suite.“ Der größte Patientenverband France Assos Santé erklärte dazu, dass Doctolibs Vorgehen an sich nichts Exotisches sei – tausende Forschungsvorhaben nutzten den Mechanismus, da die systematische Einholung einer individuellen Einwilligung viele Studien unmöglich machen und Patienten mit zahlreichen Anfragen überfordern würde. Trotzdem dürfe Datenschutz kein Luxusgut sein, das man durch komplizierte Optout-Verfahren erst mühsam einfordern muss, betonte der Verband. Außerdem warnte er vor einer unfairen Dynamik, da kranke Menschen in Frankreich im Alltag oft kaum eine logistische Alternative zu Doctolib hätten, um überhaupt zeitnah Arzttermine zu erhalten. Die Patienten hatten die Wahrnehmung, dass das Zeitfenster für den Widerspruch extrem knapp sei, was großen Unmut auslöste. Doctolib hatte die Öffentlichkeit laut Que Choisir erst im Juli 2026 informiert, obwohl das Projekt bereits Anfang August starten sollte. So entstand der Eindruck, Nutzenden blieben nur wenige Tage Zeit zum Widerspruch. Tatsächlich ist Optout immer noch möglich. Verbraucherschutzportale stellen klar, dass eine verspätete Abmeldung die künftige Nutzung und Weitergabe ihrer Daten sofort dauerhaft sperrt. Werden Krankheitsgeschichten öffentlich? Große Organisationen wie die renommierte französische Liga für Menschenrechte (Ligue des droits de l'Homme, LDH) schalteten sich aktiv ein und warnten davor, dass pseudonymisierte Daten im Gegensatz zu anonymisierten Daten durch Kreuzvergleiche oder KI-Algorithmen re-identifiziert werden könnten. Intimste Krankheitsgeschichten seien dadurch bei Hacks zm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1701) Folgen Sie uns: ivoris.de/workshop Modular gedacht. Nahtlos integriert. Ihre smarte Praxis-Software. Entdecken Sie die neuen kostenlosen Add-ons KARTEI, BESTELLBUCH und ONLINETERMINPLANER www.ivoris.de/add-ons Besuchen Sie uns in unseren WorkshopsvorOrt – Jetzt bereits die Kurse für 2027buchen
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=