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zm

106, Nr. 24 A, 16.12.2016, (1501)

B

sensiblen Ameloblasten [Bronckers et al.,

2009], nicht hingegen den menschlichen

Organismus an anderen Stellen. Daher

sollte die pharmakologisch korrekte Einord-

nung als chronisch-toxischer Effekt in der

Wahrnehmung des Begriffs „toxisch“ nicht

durch Übertragung auf den gesamten

menschlichen Organismus fehlinterpretiert

werden.

Aus der fluoridbedingten Störung der Ame-

loblastenfunktion resultiert eine Schmelz-

fluorose. Eine typische Schmelzfluorose ist

durch das Auftreten weißlicher Linien oder

Streifen quer über die Zahnkrone gekenn-

zeichnet, die symmetrisch an den gleichen

Zähnen auftreten [DenBesten und Li, 2011].

Die Prävalenz von Fluorosen bei Kindern

und Jugendlichen liegt in Deutschland bei

15 Prozent [Reich und Schiffner, 1999].

Jedoch ist der Ausprägungsgrad der Fluoro-

se weit überwiegend als fraglich und als sehr

milde oder milde Form charakterisiert.

Schwere Formen, die als endemische

Schmelzfluorose in Gebieten mit hohem

natürlichen Fluoridgehalt im Trinkwasser

(vulkanische Böden) beobachtet wurden,

kommen bei Verwendung von Fluorid zur

Kariesprophylaxe nicht vor [DenBesten und

Li, 2011].

Da die Schmelzfluorose die Einschränkung

der normalen Ameloblastenfunktion, meist

in der Phase der Mineralisation, ausweist,

können fluorotische Schmelzveränderun-

gen nur während der Phase der Schmelzbil-

dung entstehen [Bronckers et al., 2009].

Dies betrifft, sofern Weisheitszähne nicht

berücksichtigt werden, die ersten acht

Lebensjahre. Sobald Kinder in den Mund

aufgenommene Flüssigkeiten sicher ausspü-

len können, besteht das Risiko einer Fluoro-

se-Entstehung jedoch nicht mehr. Das ist im

Allgemeinen spätestens mit fünf Jahren der

Fall [Ericsson und Forsman, 1969]. Generell

ist zur Einschätzung des Fluoroserisikos

sowie der Auswahl individuell indizierter

Fluoridierungsmaßnahmen eine Fluorid-

anamnese erforderlich. Die vor dem Hinter-

grund dieser Anamnese empfohlenen Maß-

nahmen erfolgen mit Bezug auf das Karies-

risiko und stellen ein Ausbalancieren von

kariespräventiven Anforderungen und der

Reduktion des Fluorose-Risikos dar.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben

gezeigt, dass bei altersentsprechender

Dosierung die aus Fluoridtabletten aufge-

nommene Fluoridmenge deutlich höher ist

als die aus Zahnpasten aufgenommene

Menge [Hetzer et al., 2003], und dass rund

zwei Drittel der Fluorosefälle auf Fluoridtab-

letten zurückgeführt werden können

[Pendrys, 2000]. In dieser Studie war das

verbleibende Drittel der Fluorosefälle mit

mehr als einmaligem täglichen Zähneput-

zen in den ersten zwei Lebensjahren (Paste

mit 1000 ppm) verbunden. Da mithin die

Fluorose mit größerer Wahrscheinlichkeit

nach systemischer Fluorideinnahme auftritt,

die karieshemmende Wirkung hingegen auf

der lokalen Fluoridwirkung basiert, werden

lokale Fluoridierungsmethoden eindeutig

gegenüber systemischen Maßnahmen be-

vorzugt.

In dem erwähnten Ausbalancieren von

kariespräventiven Anforderungen bei

gleichzeitigem Vermeiden einer Fluorose ist

in begründeten Fällen durchaus auch eine

individuelle Empfehlung, bei Kindern im

Vorschulalter eine höher konzentrierte

Fluoridzahnpaste anzuwenden (zum Bei-

spiel 1000 ppm Fluorid), in Erwägung zu

ziehen. Insgesamt besteht zwischen der

Karieshemmung und dem Fluoridgehalt der

Zahnpaste eine deutliche Dosis-Wirkungs-

Beziehung [Walsh, 2010].

Kommentar aus der

Yellow-Press

Obgleich die Unbedenklichkeit von Fluorid

in den zur Kariesprävention verwendeten

Zubereitungen und Konzentrationen viel-

tausendfach belegt ist, werden dennoch

periodisch wiederkehrend eine Reihe unter-

schiedlicher Vorhaltungen gegenüber Fluo-

rid vorgebracht. Neu in diesem Zusammen-

hang sind Statements, systemisch zugeführ-

tes Fluorid würde sich negativ auf die Intelli-

genz von Kindern auswirken. In gleicher

Weise wird Fluorid mit Verhaltensauffällig-

keiten von Kindern in Zusammenhang ge-

bracht.

Als Beleg für die Assoziationen zwischen

Fluoridgehalt im Trinkwasser und einem ge-

ringeren Intelligenzquotienten der Kinder

wird im Wesentlichen eine Übersichtsarbeit

zitiert, die insgesamt 27 Studien zusam-

menfasst [Choi et al., 2012]. Von diesen

Studien wurden 25 in China und zwei im

Iran durchgeführt. Die natürlichen Fluorid-

gehalte der in den Studienorten verfügba-

ren Trinkwasser schwanken zwischen 0,9

und 11 ppm (Mittel der in den Studien an-

gegebenen Maximalwerte: 4,3 ppm). Bei

den in diesen Gebieten untersuchten Kin-

dern wurde ein um sieben IQ-Punkte gerin-

gerer Intelligenzquotient als in Vergleichs-

gruppen bestimmt. Die Autoren des Review

räumen ein, dass dies innerhalb des Mess-

fehlers der IQ-Bestimmung liege. Allerdings

zeigen fast alle der eingeschlossenen

Diese Abbildung zeigt eine leichte Fluorose.

Fotos: Schiffner

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